Deportation – Erlasse

Amtlicher Erlass im November 1941 mit der Aufforderung an die Juden zum Gang auf den Öhringer Bahnhof und Antritt der Fahrt nach Stuttgart zum Sammellager auf dem Killesberg. Wie ging das vor sich?

In den Jahren 1939 bis 1941 gab es für die Juden noch mehr Entrechtung, Diffamierung und gesellschaftIiche Ausgrenzung. Vier Öhringer Juden mussten für 25 Pfennig in der Stunde auf dem Auffüllplatz der Stadt Öhringen arbeiten. Es gab zum guten Glück auch noch Nachbarn die heimlich die Juden unterstützen.
Im Sommer 1941 kam es bei den Nazis zu einer Wende in der Judenpolitik, die nicht mehr auf Vertreibung ins Ausland, sondern nun auf die Vernichtung der Juden setzte.

Damit begann die systematische Verschleppung und Ermordung der Juden.

Woher kam der Auftrag zu diesen Deportationen?
Welche Behörden, Dienststellen und Personen waren beteiligt?

In Ausführung einer Anordnung des Reichssicherheitshauptamtes hatte die Gestapoleitstelle Stuttgart, die für die Deportationen aus Württemberg verantwortlich war, am 18. November 1941 die Landräte und Polizeidirektoren von der für den 1. Dezember 1941 geplanten vorgetäuschte „Evakuierung“ von tausend Juden unterrichtet und eingehende Anweisungen über die Einbeziehung des Vermögens der betroffenen Personen, über die die Vorbereitung und Durchführung des Transports gegeben. Der Erlass der Gestapoleitstelle stellte ausdrücklich fest, dass die Deportierten im Osten angesiedelt werden sollten.

Deportationserlass der Gestapo

Wie lautete der Auftrag?
Ort und Ziel der zu deportierenden Personen?

Die Jüdische Kultusvereinigung in Stuttgart hatte nach den von ihr erstellten und von der Gestapo überprüften Listen die für den Transport vorgesehenen 1.000 Personen zu benachrichtigen, ihnen die Vorschriften über die Mitnahme von Kleidung, Gebrauchsgegenständen und Lebensmitteln, über die Abfassung von Vermögenserklärungen usw. bekanntzugeben. Sie hatte das Auffang- bzw. Sammellager auf dem Killesberg in Stuttgart einzurichten und die Finanzierung des Deportationstransportes sicherzustellen. Den Juden wurde vorgetäuscht, dass sie im Osten neu angesiedelt werden sollten.


Dieses Schreiben müssen auch die Öhringer Juden erhalten haben. Es hatte jede von der Evakuierung betroffene Person einen Betrag von 57,65 RM (50 RM für die Fahrt und 7,65 RM für Lebensmittel) aufzubringen. Wenn eine Person diesen Betrag nicht hatte, musste die Jüdische Kultusvereinigung den Betrag aufbringen. Das war eine Unverfrorenheit der deutschen Behörden.

Zu welcher Zeit (Jahr und Tag) wurden sie durchgeführt?

Ab Seite 276 Nr. 464 Aktennotiz über die Besprechung des Vertrauensmann der Jüdischen Mittelstelle in Stuttgart mit der Geheimen Staatspolizei am 19.11.1941.
In dem Protokoll wird in 31 Punkten genau definiert wie die vorgetäuschte Evakuierung von statten gehen soll.

Abschrift der Anweisung zur Evakuierung

In diesem Rundschreiben wird am gleichen Tag durch die Jüdische Kultusvereinigung allen Deportierten die oben besprochenen Punkte genau weitergegeben. Es regelt im Einzelnen das Proviant im Handgepäck, Vermögenserklärungen, Transportgepäck (vom Allgemeinen, Medikamente, Papiere, Nähzeug, Koch- und Eßgeschirr und Kleidung).

Wer hat den Auftrag durchgeführt und wie wurde es durchgeführt?Sammel-Transporte mit Kraftwagen, Eisenbahn, Einzeltransporte?

Seite 290 Nr. 469 Anweisung an die Helfer der Kultusvereinigung Württemberg:

Dazu gab es in jedem Ort einen jüdischen Vertrauensmann, der für die Durchführung und für Fragen vor Ort zuständig war. Wer dies in Öhringen war, ist unbekannt.

Ab Seite 291 Nr. 471 Aktennotiz über die Besprechung des Vertrauensmanns der Jüdischen Mittelstelle mit der Geheimen Staatspolizei am 21.November 1941:

In der Aktennotiz wurde genau festgehalten wer vom Transport ausscheidet (Grund- Bestechung?) und wer als Ersatzleute in Frage kommen wird.

Wie ging das in Öhringen? Genaue Unterlagen ließen sich dazu nicht finden. Aber von Augenzeugen wurde berichtet, dass die letzten Öhringer Juden von der Rathausstraße Richtung Bahnhof zogen. Unter Beobachtung der Öhringer Bürger stiegen Sie dort in den Zug ein, der sie nach Stuttgart auf den Hauptbahnhof brachte.

Die Öhringer Juden wurden dann zum Killesberg in das Sammellager gebracht.

Was war über den Zweck der Deportationen bekannt, besonders über Ort und Ziel, welches KZ-Lager usw.?

Ab Seite 293 Nr. 472 Vorschläge, die die Vertrauensmann der Jüdischen Mittelstelle der Gestapo in der Sitzung vom 21.11.1941 machte, bezüglich der Leitung und Betreuung des Deportationszuges.

Auf Seite 294 sind bei Paul Sauer die Hilfskräfte für die Gemeinschaftsküche, das Ehepaar Julius und Emma Metzger aus Öhringen, zu finden.

Ab Seite 295 wird mit Nr. 473 + 474 nochmals ein Rundschreiben der Jüdischen Kultusvereinigung an die Deportierten und an die Vertrauensmänner erstellt

Am 27./28. November 1941 wurden die Transportteilnehmer im Sammellager auf dem Killesberg in Stuttgart konzentriert. (Seite 298 Nr. 475 Erlaß der Gestapo vom 22.November 1941)

Im Hauptgebäude des Gartenschaugeländes auf dem Killesberg trafen am 27./28.Nov. 1941 aus ganz Württemberg jüdische Frauen und Männer ein.
Das Durchgangslager war in keiner Weise auf eine solche Aufgabe vorbereitet. Auch hier gab es noch wichtige Formalitäten zu erledigen.
Die Juden mussten die Beschlagnahme ihres Vermögens quittieren und hierfür eine Zustellgebühr von 1,15 RM bezahlen. Außerdem waren noch die Kosten für die unfreiwillige Fahrt nach Osten in Höhe von 57,65 RM zu entrichten.

Nach der 11. Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom 25. November 1941 verfiel das Vermögen der Deportierten mit dem Überschreiten der deutschen Grenze dem Reich. Den Zwangsverschleppten wurde gleichzeitig die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt.

Ab Seite 306 Nr.483 im Rundschreiben der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland an die Jüdischen Kultusvereinigungen vom 3.Dezember 1941 wird wegen der Evakuierung der Juden um Aufbringung von Barmittel gebeten.

Was geschah mit dem Vermögen der deportierten Personen, besonders den Wohnungs- und Geschäftseinrichtungen?

Die Mitnahme von Bargeld, Schmuck, Wertpapieren und Sparbüchern war streng untersagt. Gepäckkontrollen und Leibesvisitationen vor dem Abtransport gewährleisteten, dass diese Verbote nicht umgangen wurden.
Es ist davon auszugehen, dass die Gepäckkontrollen und Leibesvisitationen in Öhringen im jetzigen Alten Rathaus vorgenommen wurden.

Die zur Deportation eingeteilten Personen hatten sehr detaillierte Vermögenserklärungen auszufüllen, die die Bürgermeisterämter überprüfen und an die zuständigen Finanzämter weiterleiten mussten. (siehe ab Seite 285 bis Seite 289 Nr. 468 Formular der Vermögenserklärung der zur Deportation eingeteilten Juden)

Die Wohnungen der Deportierten wurden amtlich versiegelt, die vorgefundenen Lebensmittel erfasst und Lazaretten bzw. dem Winterhilfswerk oder der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt überwiesen worden.

Die Verwaltung und Verwertung des jüdischen Vermögens oblag unter Aufsicht der Oberfinanzdirektion den Finanzämtern. Diese hatte auch die persönliche Habe und die Wohnungseinrichtungen der Deportierten zu versteigern.
In Öhringen geschah dies Augenzeugenberichten hinter dem dortmaligen Finanzamt in den Kriegsjahren 1942-1945.

Ab Seite 308 Nr. 484 vom 12.12.1941 und Nr. 485 vom 12.2.1942 Bericht des Vorstehers eines Finanzamtes bzw. Bericht des Oberfinanzpräsidenten Württemberg an den Reichsminister mit dem Verwerten des jüdischen Vermögens.

Dies alles dürfte in Öhringen genauso gehandhabt worden sein. Es wird berichtet, dass alle Unterlagen über das Vermögen der Juden in den Brunnen im dortmaligen Finanzamt (heutige Polizei) am Kriegsende geworfen und damit  vernichtet wurden.
In anderen Orten wie z.B. Bad Mergentheim wurden diese Unterlagen nicht vernichtet.

Wer war für die Durchführung der Deportation verantwortlich?
Es waren dies in Öhringen:
Der Landrat
Stellvertreter Landrat
Bürgermeister
Kreisleiter der NSDAP
Leiter der Polizei
Einfache Schutzpolizisten
Finanzbeamte

Quellen:
Dazu gibt es genaue Unterlagen von Paul Sauer, Dokumente über die Verfolgung der jüdischen Bürger in Baden-Württemberg durch das nationalsozialistische Regime 1933- 1945 Band 2 ab Seite 268 (im Jahr 1966)
Es gibt dazu eine Einzelmappe auf dem Tisch vom Staatsarchiv Stuttgart.
Die Praxis – Texte von Stadtarchivar Karl-Heinz Reuß „Die Deportation der Göppinger Juden“ (1998-2001): Die Unterlage erhielt ich vom Staatsarchiv Ludwigsburg.
In Öhringen konnte dazu nichts gefunden werden, aber wir können davon ausgehen, dass es in Öhringen genauso abgelaufen ist, wie in ganz Württemberg.

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