Die Synagoge in Öhringen

Als die Horden des fränkischen Rit­ters Rindfleisch Ende des 13. Jahrhunderts durch Franken zogen und mehrere tausend Juden erschlugen, blieben auch die damals schon in Öhringen lebenden Juden nicht ver­schont. Nicht bekannt ist, wieviele von ihnen dem Rindfleisch-Pogrom zum Opfer fielen, das durch eine an­gebliche Hostienschändung in Röttingen an der Tauber ausgelöst wurde. Religiöse Fanatiker und kriminelle Elemente wüteten ein halbes Jahr lang in vielen Städten, auch in Öhrin­gen.

Noch schlimmer erging es den Öhringer Juden in den Jahren 1348 und 1349. In Europa ging der „Schwarze Tod“ um und raffte ein Viertel der Menschen hin. Die Schuld an dieser Pest wurde den Juden zuge­schoben. Sie hätten die Brunnen ver­giftet. Daraufhin setzte die schlimm­ste Judenverfolgung des Mittelalters ein. Auch die jüdische Gemeinde in Öhringen wurde ausgelöscht.

Da es damals in Öhringen schon ei­ne Synagoge gegeben hat, dürfte es sich um eine größere Gemeinde ge­handelt haben. Diese Synagoge wird in den Urkunden über die Gründung des Öhringer Spitals erwähnt. Denn dieses erste Spital, das die edle Frau Anna von Hohenlohe für Arme, Hei­matlose und Gebrechliche errichten ließ, wurde im Jahre 1353 auf dem Platz gebaut, auf dem nach einer Ur­kunde des Bischofs von Würzburg „der gottesschänderische Ritus“ der Juden gefeiert worden war.

Im 13. und 14. Jahrhundert sollen die Grafen von Hohenlohe häufig Geld von Juden geliehen haben. Doch seit dem 15. Jahrhundert dul­deten sie auf ihrem Territorium keine Juden mehr. Erst in der zweiten Hälf­te des 19. Jahrhunderts, nachdem die Juden in Württemberg gleiche Rechte wie Christen erhalten hatten, zogen Juden wieder nach Öhringen. Im Jahr 1869 waren es acht und im Jahre 1886 schon 180 jüdische Einwohner. Viele kamen aus Ernsbach, Olnhausen, Affaltrach, Berlichingen und anderen Orten der Umgebung.
Eine israelitische Religionsgemein­schaft wurde 1869 gegründet. Ihr Bet­saal befand sich in der Karlsvorstadt. Der Wunsch nach einer Synagoge er­füllte sich mit dem Kauf des in der Unteren Torstraße gelegenen Gastho­fes „Sonne“.

Das langgezogene Doppelhaus beherbergte im linken Teil die Synagoge.
Das Haus in der Mitte ist mittlerweile abgerissen, dort verläuft jetzt die Ledergasse.

Nach den Plänen des Stadtbaumeisters Bartenbach wurde der Gasthof mit seinem schönen Saal in eine Synagoge umgebaut. Vorhan­den waren außerdem ein Lehrsaal, ein Vorstandszimmer und eine Woh­nung für den Rabbiner oder Vorbeter.

Toraschrein in der Öhringer Synagoge

Eingeweiht wurde die Synagoge am 29. März 1889, verbunden mit einem Bankett und einem Festball. Dazu ein­ geladen waren alle Bürger Öhringens, die sich auch zahlreich an den Fest­lichchkeiten beteiligten. Auch viele aus­wärtige Festgäste hatten sich dazu eingefunden, unter ihnen Kirchenrat Dr. von Wassermann aus Stuttgart.

Die Feier begann mit einem Ab­schiedsgottesdienst im seitherigen Betlokal. „Hierauf begab sich ein stattlicher Festzug, angeführt von der israelitischen Schuljugend, zu der neuen Synagoge, an deren Eingang er von den Klängen der hiesigen Stadtmusik empfangen wurde.“

Wie der Hohenloher Bote weiter berichtet, wurde „die Festpredigt, wel­che in würdigstem Tone gehalten und wohl geeignet war, auch Nichtisraeliten zu erbauen, von dem Bezirksrab­biner Dr. Engelbert von Heilbronn ge­halten.“ Eine ungetrübte Festfreude mit einer Fülle von Toasten erlebten die Besucher eines Festbanketts im „Württemberger Hof“. Mit einem Fest­ball am folgenden Abend im Gasthof zur „Eisenbahn“ fand die „in allen Tei­len wohlgelungene Feier ihren heite­ren Abschluß“.

Das Wohnhaus mit Synagoge, Schulsaal und dem südlich gelegenen Garten wurde 1939 von der Stadt Öhringen erworben. Sie zahlte lediglich 8.000 Mark, aber selbst darüber konnte die israelitische Gemeinde nicht mehr verfügen. Einem Schrei­ben des Öhringer Bürgermeisters an den Landrat ist zu entnehmen, dass die Synagoge für eine Mütterschule verwendet werden sollte. Die auf 12.00 Mark veranschlagten Umbaukosten könne die Stadt aber nicht allein übernehmen. Bis zum Bau einer „Kreishalle“ sollen sich Mütterschule und NSDAP den Versammlungsraum zu Schulungszwecken teilen.

Statt einer Mütterschule zogen die Mädchen einer Lehrerinnenbildunganstalt und nach deren Auflösung die in Stuttgart ausgebombte Frauenarbeitsschule ein. Als die Frauenarbeitsschule nach Stuttgart zurückkehrte, erklärte die Stadt die ehemalige Synagoge zum „Haus der Jugend“, in dem sich vorübergehend auch Jugendherberge, Kindergarten und Stadtbücherei befanden. Heute ist es Wohnhaus, Jugendhaus und Treffpunkt für ausländische Mitbürger.

Wie alle privaten Erwerber jüdischen Grundvermögens musste sich auch die Stadt nach 1949 mit einem Rückerstattungsantrag der IRSO (Jewish Restitution Successor Organisation) auseinandersetzten. Gefordert wurden zuerst 120.000 Mark. Nach längeren Verhandlungen einigte man sich auf 45.000 Mark. Der Vergleich enthält die Verpflichtung der Stadt, den jüdischen Friedhof unentgeltlich so zu pflegen, damit er nicht verwildert.

Beitragsbild oben: Ein seltenes Foto, es zeigt die Rückseite der Synagoge vor 1938