Der 18. März 1933 in Öhringen

Wenige Tage nach der letzten Reichstagswahl der Weimarer Republik, an der mehr als eine Partei teilnahm, begannen auch in Hohenlohe die Übergriffe auf politische Gegner durch das neue nationalsozialistische Regime. Kann schon während des Wahlkampfes für diese letzte Wahl am 5. März 1933 kaum von freien und demokratischen Bedingungen gesprochen werden, so begannen wenige Tage nach der Wahl die gewalttätigen und ungehemmten Übergriffe auf die regimekritischen und jüdischen Bürger. Neben den Übergriffen durch die NSDAP und ihren Organisationen, insbesondere der SA, begann auch die Verfolgung durch die staatlichen Institutionen. Vordergründig „legalisiert“ wurde die einsetzende staatliche Gewalt durch die Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat („Reichstagsbrandverordnung“) die nach dem Reichstagsbrand vom 27. und 28. Februar 1933 erlassen wurde.

Am Samstag, 18. März 1933 erreichte diese Gewalt, als eine der ersten Gemeinden in Württemberg, auch Öhringen. In den Morgenstunden dieses Tages begann ein SA-Kommando eine gewalttätige Aktion gegen politische Gegner in Öhringen. Mit Befugnissen der Polizei ausgestattet, verhaftete das Kommando unter der Leitung des Heilbronner Standartenführers Fritz Klein 17 Bürger. Die Verhafteten waren bekannte Mittglieder der SPD, KPD und Juden. Unterstützt von der örtlichen Schutzpolizei, agierte die SA ungehindert von den Justizbehörden oder anderen staatlichen Institutionen.

Dokumentiert wurde diese Aktion durch eine wohl einzigartige Fotografie, die von einem der Täter am Abend des 18. März im Hof des Öhringer Gefängnisses im Scheinwerferlicht eines Kraftfahrzeuges angefertigt wurde. Zu sehen sind auf dieser Fotografie die schwer Misshandelten, die sich zur Demütigung zu einem Gruppenbild aufstellen mussten.
(Für eine Vergrößerung bitte auf das Bild klicken!)Hinten, stehend von links – die jüdischen Bürger:
Siegfried Herz, Arthur Thalheimer, Julius Thalheimer, Hermann Weil, Gustav Berliner, Louis Kaufmann, Heinrich Scheuer, Jakob Kaufmann, Sigmund Weil, Bernhard Lämmle.
Vorne knieend von links – die Kommunisten und Sozialdemokraten:
Karl Christ, Karl Gußmann, Max Braun, Reinhold Hub, Alfred Stadtherr, August Hartmann,

Diese Fotografie wurde vielfach verbreitet und gelangte auf Umwegen auch in eine Schweizer Zeitung und dokumentierte so die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung und Andersdenkender unter dem neuen Reichskanzler. Beamte der Reichskanzlei untersagten daraufhin die weitere Veröffentlichung und Verbreitung dieses Bildes.

Nicht nur die Fotografie sorgte für Unruhe in Öhringen. Was im Detail geschehen war, hatten viele Öhringer mit eigenen Augen gesehen. Viele von ihnen waren betroffen und entsetzt. Überall wurde mehr oder weniger offen darüber gesprochen. Private Augenzeugenberichte Unbeteiligter sind heute leider nicht überliefert, die Ereignisse und Meinungen zu diesem 18. März 1933 spiegeln sich deshalb vor allem in den Veröffentlichungen der lokalen Presse wieder.

Im Hohenloher Boten war zu lesen:
„Wie im ganzen Land, so wurden auch hier heute eine Anzahl Haussuchungen vorgenommen und verschiedene Personen sistiert, die im Verdacht stehen, den Kommunisten Vorschub geleistet zu haben. Neben Hilfspolizei (SA) war auch Stuttgarter Schupo bei der umfangreichen Aktion, die der Stadt ein besonderes Gepräge gegeben und viele Neugierige in der Stadt versammelt hat, beteiligt. Man darf sicher sein, daß so der Hydra Kommunismus die Köpfe abgeschlagen wurden.“

Im Hohenloher Tagblatt stand:
„Die vom Polizeikommissar für Württemberg angeordneten Haussuchungen nach Waffen, verbotenen Schriften und sonstigem Propagandamaterial wurden heute in alle Frühe ganz überraschend auch im hiesigen Bezirk durchgeführt. Verschiedene Funktionäre der KPD und SPD sowie eine Reihe jüdischer Geschäftsleute wurden hier dem Oberamt zu Vernehmung vorgeführt, teilweise erfolgte Einlieferung ins Amtsgerichtsgefängnis. Die ganze Aktion, die geordnet und ruhig vor sich ging, hatte eine große Menschenmenge angelockt, unter der sich auch die Schuljugend befand, die aus Anlaß der nationalen Erhebung heute schulfrei hat.“

Die Proteste aus der Bevölkerung blieben auch bei der örtlichen Parteiführung nicht unbemerkt. Allerdings schrieb der Ortsgruppenleiter der NSDAP in einem Leserbrief:
„Die am Samstag erfolgte Festnahme und Behandlung einiger Juden hat zum Teil Widerspruch und Mitleid hervorgerufen. Wir Nationalsozialisten wußten längst, daß die Kommunisten vom jüdischen Kapital unterstützt sind. Wer die verbrecherischen Pläne der Kommunisten mit Geld unterstützt, stellt sich außerhalb der menschlichen Gesellschaft und verdient kein Mitleid. Wenn einer für diese Schandtat zum Spott eine Sowjetfahne durch die Straßen trafen darf, so ist es ja diese Fahne, welche diese Herrschaften selbst bezahlt haben:“

In einem Brief an die Zeitung protestierten die drei Öhringer Pfarrer Faber, Esenwein und Frik: Sie zeigten Verständnis, dass die gewünschte Vereinigung unseres Volkslebens nur mit kraftvoller Hand durchgeführt werden könne, doch an diesem 18. März sind Dinge geschehen, „die allem rechtlichen und menschlichen Empfinden widersprechen.“ Die drei Geistlichen fühlten sich von Amts wegen verpflichtet, darauf öffentlich hinzuweisen.

Die Antwort darauf gab der Ortsgruppenleiter der NSDAP schon am darauffolgenden Tag:
Die Vorgänge vom Samstag glaubt Herr Dekan Faber und Kollegen tadeln zu müssen. Zunächst bin ich beauftragt, den Herrn Einsendern zu sagen, daß dies erst der Anfang der Säuberungsaktion ist und daß man sich jeder kritische Betrachtung energisch verbittet. Wenn sie glauben, es sei ein paar Juden Unrecht geschehen, dann wollen wir Ihnen noch aufklärend mitteilen, daß Bauern und Bäuerinnen des Kreises in Scharen in unsere Geschäftsstelle kommen und erzählen, wie sie durch den und jenen Juden um Hab und Gut gekommen, von Haus und Hof vertrieben worden seien. Heute waren mindestens 14 Personen in solcher Angelegenheit hier, gestern ähnlich. Wer hat für diese verarmten Leute ein tröstendes Wort?“

Zur Rechtfertigung ihrer Aktion im „waffenstarrenden Bezirk Öhringen“ ließ sich die Partei noch andere Verlautbarungen einfallen. Am 24. März wurde in beiden Öhringer Zeitungen gleichlautend berichtet: Bei der am Samstag in Öhringen vorgenommenen Polizeiaktion wurden außerordentlich viele Waffen wie Militärgewehre, Karabiner, Armeepistolen mit der dazugehörigen Munition eingezogen und mittels Kraftwagen an die Polizeiverwaltung Heilbronn abgeführt. Auch bei der Polizeiaktion am Montag in Künzelsau und Niedernhall wurden ebenfalls außerordentlich viel Militärwaffen, über 1000 Schuß Munition und 36 Kilo Sprengstoff herausgeholt.“

Ein Verhafteter berichtete später von diesem 18. März 1933:
„Dieser unselige Tag wird mir stets in Erinnerung bleiben. Früh zwischen vier und fünf Uhr wurde an der Haustür geklingelt. Zwei Schupos und zwei SA-Männer forderten Einlaß zu einer Hausdurchsuchung. Sie durchsuchten mein Zimmer, vor allem das Bücherregal und beschlagnahmten eine Menge damals noch nicht verbotener Bücher und Schriften. Danach wurde ich zum Gefängnis mitgenommen.

Im Gefängnishof wimmelte es von SA-Leuten und Schupos, ebenso im Treppenhaus des Gefängnisses und in den Gängen. Hier sah ich auch einige meiner Bekannten und einige Juden stehen. Ich wurde in eine Zelle geführt. Darin befand sich ein Führer der SA (Standartenführer Klein aus Heilbronn) und einige seiner Leute. Dieser fragte mich, wo die Bolschewistenfahne versteckt sei. Weil ich es nicht sagte, gar nicht sagen konnte, weil ich keine Ahnung davon hatte, wurde ich angeschrien und bedroht. Diesmal ging es noch glimpflich ab, weil die SA-Leute den Aufbewahrungsort mittlerweile von anderer Seite erfahren hatten.

 Nun sollte ich aber über eine Schießerei Aussage machen, die in der Nacht stattgefunden haben sollte. Ich wußte nichts von einer Schießerei und hatte in der Nacht auch keine Schüsse gehört. Der Standartenführer raste und schrie mich an, er gebe mir einige Minuten Zeit…..Ich wurde an die Wand gestellt, und er stellte sich mit gezogener Pistole und mit gezückter Uhr breitbeinig vor mich hin. Nach Ablauf der gestellten Frist wurde ich zu Boden geworfen. Fünf SA-Leute, darunter der Standartenführer, prügelten mit Gummiknüppeln auf mich ein.

In eine Zelle gebracht, traf ich mit anderen Leidensgenossen zusammen. Ab und zu hörten wir das Geschrei der Geprügelten. Unsere Zelle füllte sich immer mehr. Auch andere Zellen schienen voll zu sein. Die neu in unsere Zelle kamen, zählten Namen auf von Verhafteten und Geprügelten; von Sieger Herz, der so geprügelt worden sei, daß ein Arzt hatte geholt werden müssen. Allmählich wurde es im Gefängnis still. Die SA war abgezogen. Von einem Schupo erfuhren wir, daß die SA andere Gemeinden in der Umgebung aufsuchte, aber wiederkäme. Zunächst aber schnauften wir auf.

Gegen Abend kam die SA mit großem Geschrei zurück. Zellen wurden aufgerissen. Alle mußten hinunter in den Gefängnishof, vorbei an knüppelschlagenden SA-Leuten. Hier mußten wir uns in Reih und Glied aufstellen, die Juden in die hintere Reihe. Sieger Herz mit verbundenem Kopf, die Fahne der Kommunisten in der Hand, alle anderen knieend in die vordere Reihe; Die SA-Leute hatten einen Mordsspaß. Den meisten der vielen Zuschauern aber war das Lachen vergangen. Einige brachen in Tränen aus, andere liefen weg, weil sie es nicht mit ansehen konnten.

Mittlerweile war es Nacht geworden. Die Scheinwerfer eines Autos wurde auf uns gerichtet und wir wurden fotographiert. Anschließend mußten wir uns in Marschordnung aufstellen, voraus die SA mit klingendem Spiel, seitlich von uns SA mit Knüppeln und hinter uns SA. So ging der Zug durch die Stadt. Die SA sang ihre Lieder und wir wurden gezwungen mitzusingen. Nach diesem traurigen Umzug, der damals die Bevölkerung von Öhringen in Schrecken versetzte, mußten drei Juden und ich auf den Lastwagen steigen und mit der SA und den Schupos nach Heilbronn fahren, um im Heilbronner Gefängnis zu landen. Wären die Schupos nicht dabei gewesen, wäre es uns wahrscheinlich unterwegs noch schlimm ergangen.
Der Gefängnisdirektor schüttelte nur den Kopf über unser Aussehen, sagen durfte er ja nicht viel. Er ließ uns gleich Salben zukommen. Von den Juden, die mir doch fast fremd waren, erhielt ich im Gefängnis einige Mark, weil ich sonst nichts dabei hatte. Nach acht Tagen kam ich mit einem anderen Mann aus Öhringen ins KZ auf den Heuberg. Dort erfuhr ich, daß der Trupp des Standartenführers Klein auch noch in anderen hohenlohischen Orten gehaust hatte und Öhringen die erste Stadt in ganz Württemberg gewesen sein soll, in die Nazis ihren Terror ausgeübt hatten.“