Die Einsteins

Leidensweg einer Familie

Die unternehmerische Tätigkeit der Familie Einstein ist ein Beispiel für den Anteil jüdischer Bürger an der wirtschaftlichen Entwicklung Öhringen. Einer der größeren Betriebe Anfang diese Jahrhunderts war die mechanische Schuhfabrik „Hohenlohe“ Jakob Einstein.

Der 1861 in Buttenwiesen /Bayern geborene Jakob Einstein kam 1887 nach Öhringen, erwarb in der Haller Straße eine vormalige Textilfabrik und baute eine Schuhproduktion auf. Das Unternehmen florierte bis 1933. Dann begann der Niedergang der Firma und der Leidensweg der Familie Einstein. Die Familie veräußerte ihren Besitz und verließ Öhringen. Ab 1938 setzte die Firma Rebscher die Schuhfabrikation fort. Heute befindet sich auf diesem Gelände das Dänische Bettenhaus.

Der Firmengründer Jakob Einstein wohnte in der Nachbarschaft bei Förnzler in Miete und stand mit dieser Familie in einem freundschaftlichen Verhältnis. Er wird als ein religiöser Mann geschildert. Orthodoxe Juden waren bei ihm häufig zu Gast und nahmen auch am alljährlichen Laubhüttenfest teil. Aus Anlass dieses Dankfestes wurde eine zum Himmel hin offene Bretterhütte mit Laub und Früchten geschmückt und darin gebetet. Die Laubhüttenfeste bei Einsteins hörten auf, nachdem die Hütte von einem Nachbarn zerstört worden war.

Verheiratet war Jakob Einstein mit Elise Kaufmann, 1865 in Eberstadt (Baden) geboren.

Eberstadt, evangelische und israelitische Gemeinde: Standesbuch 1853-1870; Bild 212
https://www2.landesarchiv-bw.de/ofs21/olf/struktur.php?bestand=12390&sprungId=2555902&letztesLimit=suchen

Aus der Ehe gingen 4 Kinder hervor: Adelheid (sie wurde wohl so genannt, weil beide Großmütter Adelheid hießen), Willy, er starb schon mit zwei Monaten, Heinrich und Leopold.
Jakob Einstein schied 1919 aus der Firma aus, die von seinem Sohn Heinrich weitergeführt wurde. In das Unternehmen war auch der aus Heilbronn stammende Schwiegersohn Karl Gutmann eingetreten, der 1913 die Einstein-Tochter Adelheid geheiratet hatte. Der jüngere Sohn Leopold arbeitete als Buchhalter in der Firma.

Heinrich Einstein wurde 1890 in Öhringen geboren, war von 1915 bis 1918 Frontsoldat und mit der silbernen Verdienstmedaille ausgezeichnet worden. 1922 heiratete er in Öhringen Karoline Bauer aus Königheim.
Tochter Edith wurde 1923 und Ilse 1924 geboren. In der Oberen Gartenstraße bewohnten sie ein 1926 gebautes Haus. Die Initialen HE über dem Eingang weisen noch heute auf den Bauherrn hin. Eine kleine, friedliche Welt.

Dann kam der 18. März 1933, ein unheilvoller Tag.

Auf dem Weg in die Synagoge fiel Heinrich Einstein den SA-Schlägern des Kommandos Fritz Klein in die Hände. SA-Männer und Gendarmen hatten unter dem fadenscheinigen Vorwand, bei Gegnern des Nazi-Regimes nach Waffen suchen zu Müssen, Kommunisten und willkürlich auch Juden festgenommen, ins Gefängnis gebracht und misshandelt. Der damals 43-jährige Heinrich Einstein erlitt dabei so schwere Kopfverletzungen, dass er sein Leben lang arbeitsunfähig war.

Noch im gleichen Jahr gab Heinrich Einstein die Schuhfabrik auf. Vermutlich war er wegen seiner Verletzungen nicht mehr in der Lage, den Betrieb zu führen. Die Familie blieb noch drei Jahre in Öhringen, zog dann nach Konstanz (dort erscheint das Ehepaar bei der Volkszählung 1939), dann in die Schweiz und wanderte 1941 in die USA aus.

Da Heinrich Einstein nicht arbeitsfähig war, musste seine Frau Karoline zuerst als Hausgehilfin und dann als Arbeiterin in einer Lederfabrik für die Familie sorgen. Schon 1946 ist Heinrich in Manhattan gestorben, 56 Jahre alt.

New York, U.S., State and Federal Naturalization Records, 1794-1943 for Heinrich Israel Einstein

Als Jakob Einstein nach Öhringen gekommen war und die Schuhfabrik gründete, war er 26 Jahre alt. Öhringen war 48 Jahr lang seine Heimat. 1932, ein Jahr vor dem Schicksalsjahr 1933, wurde er für 25-jährige Mitgliedschaft im Männerturnverein geehrt, ein Jahr später ausgeschlossen.
Mit seiner Frau Elise verließ er 1935 Öhringen und hoffte auf einen friedlichen Lebensabend in einem Altersheim in Gailingen in Baden. Seine Frau starb dort 1940 im Alter von 75 Jahren. Ir blieb erspart, was ihr Mann noch durchmachen musste. Wenige Monate nach dem Tod seiner Frau wurde der 79-jährige Jakob Einstein -sie alle in Baden lebenden Juden – in das französische Lager Gurs gebracht. Den Entbehrungen konnte er nicht lange widerstehen. Auf der Gräberliste von Gurs steht unter der Nummer 781 der Name Jakob Einstein.

Die Tochter Adelheid, geboren 1887 war seit 1913 mit Carl Gutmann verheiratet, der in die Schuhfabrik seines Schwiegervaters eintrat. Das Ehepaar Gutmann zog 1936 von Öhringen nach Stuttgart um. Am 1. Januar 1939 starb Adelheid und fand ihre letzte Ruhe auf dem Pragfriedhof. Ihr Mann wurde am 26. April 1942 nach Izbica bei Lublin deportiert und dort ermordet.
Von den Einstein-Familien blieb nur die von Leopold Einstein in Öhringen. Warum nicht auch er wie Eltern, Bruder und Schwester aus Öhringen wegging, ist nicht bekannt.
Leopold wurde 1892 in Öhringen geboren, er war mit Margarete Levi aus Hechingen verheiratet und in der väterlichen Schuhfabrik beschäftigt. Dem Ehepaar wurde 1928 Tochter Doris und 1937 Sohn Gerhard geboren.

Angst und Unrast kennzeichneten ihre letzten Lebensjahre. Die Familie musste ihre Wohnung in der Haller Straße aufgeben und in das „Judenhaus“ Thalheimer in der Poststraße umziehen. Sohn Gerhard wurde in ein jüdisches Heim in Esslingen gegeben. Mit Tochter Doris zogen Leopold und Margarete Einstein 1940 nach Heilbronn. Die ganze Familie wurde am 1. Dezember 1941 von Stuttgart nach Riga deportiert.
Auf dem Jungfernhof wurden alle umgebracht, der 50-jährige Leopold Einstein, seine 40-jährige Frau, die 14 Jahre alte Doris und der fünf Jahre alte Gerhard, erschossen oder in Gaswagen getötet.