Familie Thalheimer

Der Name Thalheimer war der verbreitetste unter den jüdischen Bürgern Öhringes. Es gab fünf Familien dieses Namens. Gegründet wurde die Öhringer Thalheimer-Famile von Samuel Thalheimer, der im Jahre 1904 mit seiner Frau und sechs, seiner sieben Kindern von Affaltrach nach Öhringen kam und im Haus Ecke Rathausstraße-Poststraße wohnte. Sein Sohn Moritz war nicht einmal ein Jahr alt geworden und liegt in Affaltrach begraben.
Samuel Thalheimer selbst starb 1915 mit fast 60 Jahren an Darmkrebs. Frau Amalie blieb im Haus wohnen, hier lebte auch der älteste Sohn August mit seiner Frau Hedwig, geborene Kaufmann, und ihren zwei Kindern Lore und Siegfried.  August konnte das Haus, in dem er das Textilgeschäft seines Vaters weiterführte, im Jahre 1924 für 25.000 RM erwerben. August war ein strenggläubiger Jude und lebte zeitlebens mit seiner Familie in bescheidenen Verhältnissen. Augusts komplette Familie und seine Mutter wurden Opfer des Naziterrors.
Samuels zweiter Sohn Theodor, ein Kaufmann für Schneider-Bedarfsartikel, heiratete 1913 Irene Fath in Frankfurt, lebte und stirbt dort 1935 im Alter von 50 Jahren. Seine beiden Töchter Liselotte und Hilde können sich in die USA retten, seine Frau Irene nicht.
Samuels Söhne Berthold, Max Arthur und Julius gründeten eine Lackfabrik, die „Gebrüder Thalheimer OHG, Lacke und Farben“. Die Betriebsstätte befand sich im Haagweg. Heute steht auf dem Gelände das Kaufland. 1936 mussten die Brüder die Farbenproduktion aufgeben. Der Boykott jüdischer Unternehmen zerstörte ihre Existenzgrundlage.
Berthold war mit Emma Buxbaum verheiratet und hatte die Töchter Lisbeth und Ingeborg. Die Familie von Berthold musste ihr „Leben in Öhringen“ aufgeben; ihr Haus, ihre Existenzgrundlage, ihre Sicherheit, ihre Freunde. Berthold floh nach Stuttgart und konnte sich 1940 mit seiner Familie in die USA retten.

Gewerbebucheintrag, Öhringen, 1920

Die Familie von Max Arthur sah sich 1936 ebenfalls zur Auflösung der Lackfabrik und der Veräußerung des Wohnhauses in der Büttelbronner Straße gezwungen und floh ebenfalls nach Stuttgart. Um in die USA zu kommen, wählten sie den Weg über Holland und warteten dort auf die Ausreise, als die deutschen Truppen Holland besetzten. Eine Ausreise in die USA war jetzt nicht mehr möglich. Die ganze Familie, Max Arthur, seine Frau Barbara (genannt Bianca), die Tochter Trude und der Sohn Walter, kamen in das KZ Westerbork in Holland. Von dort wurden zuerst die Eltern und dann die Kinder nach Theresienstadt deportiert. Die Mutter überlebte in Theresienstadt, der Sohn Walter überlebte das KZ Auschwitz. Max Arthur und Trude kamen in Auschwitz ums Leben.
Samuels fünfte Sohn Julius, verheiratet mit Irma Levi aus Hechingen musste ebenfalls seine Heimat, seine Freunde, seine Lebensgrundlage und sein Haus verlassen, das er 1927 neben seinem Bruder Berthold erbaut hatte. Julius konnte mit seiner Frau und der Tochter Ilse in die USA fliehen. Dort verdiente er sich seinen Lebensunterhalt als Vertreter. Seine Schwiegermutter Cilly Levi lebte in Öhringen bei der Familie ihrer Tochter und war mit nach Stuttgart gezogen, aber nicht mit ausgewandert. Auch sie wurde Opfer des Holocaust.
Das jüngste Kind der Familie Samuel Thalheimers ist Paula. Sie heiratete den Kaufmann Max Nussbaum, der im Ersten Weltkrieg gedient und sich dann in Regensburg nieder gelassen hatte. Max Nussbaum führte bis Ende 1938 ein Kurzwarengeschäft und zog nach der erzwungenen Aufgabe in die Untere Bachgasse in Regensburg.
In aller Frühe am 2. April 1942 musste sich die dreiköpfige Familie auf dem Platz der abgebrannten Synagoge einfinden. Laut den Bestimmungen des nationalsozialistischen Regimes durfte jeder einen Koffer, Rucksack und Gartenwerkzeuge mitnehmen, da sie sich angeblich ein neues Leben im Osten aufbauen durften. Doch die erzwungene „Umsiedlung“ endete in Piaski, in der Nähe von Lublin. Wie Max, Paula und die kleine Ruth Nußbaum umgekommen sind, ob sie an Krankheit, Hunger und Erschöpfung starben oder von der SS ermordet wurden, wissen wir nicht.